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Der Drehbuchautor: Ichirô ÔKÔCHI
Geboren im Jahr 1968 in der Präfektur Miyagi, ist Ichirô Ôkôchi gleichzeitig Drehbuchautor und Romanschriftsteller. Er hat seine Karriere mit dem Schreiben von Utena-Romanen begonnen und sich auch danach von berühmten TV- und Manga-Serien inspirieren lassen (Mobile Suit Gundam, Nadesico …) und dabei eine Vorliebe für Science-Fiction- und Fantasy-Welten gezeigt.
Durch seine Erfolge auf dem Gebiet der Romanschriftstellerei wurden ihm sehr bald auch Aufträge für das Schreiben von Drehbüchern für TV-Anime-Serien angeboten, wie z. B. Turn A Gundam I und II, RahXephon und Wolf’s Rain. Aber Ichirô Ôkôchi gab sich damit noch nicht zufrieden und lieferte Vorschläge für Serienkonzepte bei Projekten, die während der letzen 5 Jahre zu den erfolgreichsten bei Publikum und Kritikern gehörten (Azumanga Daioh und Angelic Layer vom berühmten Studio CLAMP, Magister Negi Magi …). 2006 zeichnete er verantwortlich für das Drehbuch von Brave Story, seine erste Arbeit für einen Kino-Spielfilm und seine erstmalige Zusammenarbeit mit dem Studio Gonzo.
Könnten Sie uns die verschiedenen Schritte beschreiben, in denen das Drehbuch von Brave Story ausgearbeitet wurde?
Am Anfang wurde bestimmt, dass sich der Film an ein familiäres Publikum richten sollte, und es war auch nicht vorgesehen, das Thema der Scheidung von Watarus Eltern anzusprechen. Allerdings hatte sich der Fokus, als ich zum Projekt stieß, bereits ein wenig verändert, näher hin zur Originalvorlage. Das hat mir die Arbeit sehr erleichtert. Trotzdem gab es eine Hauptschwierigkeit: Brave Story war ein riesiges Projekt, jede der daran beteiligten Gruppen machte mich mit ihren Forderungen bekannt, und es erschien mir sehr schwierig, all dies unter einen Hut zu bringen. Deshalb arbeitete ich als Erstes meine Version der Haupthandlung aus und ließ erst mal alle anderen Forderungen außen vor. Und wider alle Erwartungen wurde meine Arbeit so, wie sie war, akzeptiert. Wenn ich an einem Drehbuch arbeite, lese ich die Originalvorlage immer und immer wieder, um wirklich allen Details gewahr zu werden, dann beginne ich mit dem Schreiben. Und dabei verweile ich am längsten bei den Themen, die mich in der Vorlage am meisten beeindruckt haben. Im Fall von Brave Story war die Menge an Informationen jedoch unglaublich riesig, und so ist diese Aufgabe sehr komplex gewesen.
Also ist diese Phase der Ausarbeitung des Drehbuchs die komplexeste im ganzen Arbeitsprozess gewesen?
Meine Aufgabe bestand darin, ein Drehbuch für einen 90-minütigen Film auf der Grundlage des Originalwerkes zu schreiben. Es hat mich also unglaubliche Mühe gekostet, zu entscheiden, welche Teile davon wir weglassen sollten. Alle, die den Roman gelesen haben, werden die Schwierigkeiten begreifen, die ich hatte: Man könnte daraus locker eine Serie von drei Filmen oder sogar drei voneinander unabhängige Filme machen. Zu guter Letzt, nachdem ich mir das Original wirklich in allen Facetten zu Eigen gemacht hatte, entschied ich, dass ich mich auf die Beziehung zwischen Wataru und Mitsuru konzentrieren wollte, das war der Teil, der mir im Roman am besten gefiel. Für die eigentliche Schreibphase habe ich ein Büro im Studio bekommen. Der Regisseur und Frau Chiba waren also immer in meiner Nähe, wenn ich also Zweifel hatte, konnte ich immer jemanden von ihnen fragen, zum Beispiel: „Was denken Sie von dieser Szene?“ Oder: „An dieser Stelle möchte ich gerne das und das machen, gefällt Ihnen das vom Visuellen her?“ Ich habe sie nicht nur in Bezug auf das Drehbuch selbst konsultiert, sondern auch für Dinge, die den Charakter der Figuren betrafen, die Welt, in der sie sich entwickeln oder ihre Art zu leben. Anfangs hatte jeder von uns seine eigene, klare Meinung, aber im Verlauf unserer Gespräche kamen traten dann immer einstimmigere Vorstellungen von Wataru und Mitsuru zutage. „Mitsuru würde es so machen!“ – „Ja, damit bin ich absolut einverstanden!“ So haben sich unsere Diskussionen dann angehört.
Worin bestehen die Unterschiede zwischen dem Schreiben eines Drehbuchs für einen Film und dem Schreiben des Drehbuchs für eine TV-Serie?
Im Fall von TV-Serien hat man beim Schreiben des Drehbuchs für die erste Folge noch nicht unbedingt eine genaue Vorstellung davon, wie die 26. Folge aussehen soll. Und wenn man dann beim Drehbuch der 26. Folge angelangt ist, hat man keine Möglichkeit mehr, das Drehbuch der ersten Folge abzuändern. Der Rahmen eines Spielfilms bietet hingegen den Vorteil, dass man das Drehbuch schreiben kann, während man die ganze Geschichte vor Augen hat. Und dies trifft auf diesen Film noch mehr zu, der ja die Adaption einer sehr langen Romanvorlage ist. Allerdings hat das Schreiben „Episode für Episode“ ebenfalls seine Vorteile, denn es erlaubt einem, die Geschichte sehr dynamisch zu gestalten. Und natürlich kommt es auch immer auf die Vorlage an.
Darüber hinaus, da wir ja auf dem Gebiet der Animation arbeiten, sollte man nicht vergessen, dass man auch Schauspieler hat, die für die Stimmen der Figuren verantwortlich sind, und Animatoren. Bei Brave Story wusste ich, dass Frau Chiba sich um die Hauptanimationsregie kümmern würde, ich konnte mir also gut vorstellen, wie diese oder jene Szene dann auf dem Bildschirm aussehen würde. Selbst wenn eine Szene keinen Dialog enthielt, wusste ich, dass ich sie ihr ohne zu zögern anvertrauen konnte. Bei einer TV-Serie ist von Folge zu Folge eine andere Person für die Zeichnungen verantwortlich. Wenn ich mich dort bei einer Szene zwischen Dialog oder einer Anweisung, die einen Gesichtsausdruck beschreibt, entscheiden muss, fällt die Entscheidung immer zugunsten des Dialogs aus. Um auf Brave Story zurückzukommen: als ich den fertiggestellten Film gesehen habe, habe ich gemerkt, dass die Szenen, die ich Frau Chibas guten „Diensten“ überlassen hatte, alle genau so wiedergegeben waren, wie ich es mir gewünscht hatte. Nehmen wir zum Beispiel eine Stelle zu Beginn des Films, zwischen dem Vorspann und dem Titel. Ich habe oft Hinweise ins Drehbuch geschrieben wie „Mitsuru denkt das und das, aber er drückt es nicht mit Worten aus. Sein Gesichtsausdruck lässt erraten, was er denkt.“ Ich habe mich in Tat und Wahrheit beim Schreiben dieses Drehbuchs sehr auf die Qualität der Zeichnungen, die es illustrieren würden, verlassen (lacht). Ich bin ein Drehbuchautor, der sich einfach zu sehr auf die Animation verlässt!
Hat Sie während dem Schreiben ein Teil des Drehbuchs besonders beeindruckt?
Ja, und zwar der Teil, der sich in der „wirklichen“ Welt abspielt. Die Produktion verlangte, dass sich die Filmhandlung so schnell wie möglich nach „Vision“ verlagerte. Aber ich dachte, dass, wenn Watarus Situation in der wirklichen Welt und seine erste Begegnung mit Mitsuru nicht klar genug beschrieben würde, die darauf folgenden Ereignisse schwer zu verstehen sein würden. Schlussendlich spielt die Handlung zwar nur kurze Zeit in der wirklichen Welt, doch dank Herr Chigira und Frau Chiba genügt das, damit die Figuren von Wataru und Mitsuru genügend Eindruck beim Zuschauer hinterlassen können. Ich denke hier besonders an die Szene, die sich vor dem Shintô-Schrein ihres Wohnquartiers abspielt. Ich habe diese Szene mit allen Ideen im Kopf geschrieben, die mir der Regisseur bezüglich seiner visuellen Vorstellungen mitgeteilt hatte. Und ich liebe sie sehr.
Hat Ihnen der Regisseur besondere Vorschriften gemacht, was das Schreiben des Drehbuchs betraf?
Er hat nur von mir verlangt, dass ich ein Drehbuch schreibe, das einen guten Film ergeben würde. Ich sollte mich nicht in erster Linie auf eine Stilisierung konzentrieren, sondern dafür sorgen, dass selbst Zuschauer, die den Originalroman nicht gelesen haben, den Film schätzen und sich mit der Quest des Helden identifizieren würden. Aber das ist ja das Ergebnis, das alle erreichen wollen, und nichts ist schwieriger als das! (lacht)
Zum Abschluss: Könnten Sie uns sagen, was für Sie die Stärke von Brave Story ausmacht?
Für mich sind das die zwei Hauptfiguren, Wataru und Mitsuru, und das, was diesen beiden ganz normalen Jungs passiert: Sie machen sich auf in ein Abenteuer in einer imaginären Welt. Das ist das Interessante daran. Und ich glaube, dass es uns gelungen ist, all die feinen Facetten ihrer Emotionen wiederzugeben, sowie auch die Bewunderung, die sie einander gegenüber empfinden. Ich glaube, dass dieser Film genau das in Bildern ausdrückt, was uns am Originalwerk beeindruckt hat, und das, ohne den Geist des Originals zu verlieren.
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